Die Klangqualität - was beeinflusst den Klang eigentlich?

 

Der Musikliebhaber sitzt in seinem Sessel und hört Musik. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt: die neue CD ist eine aktuelle Live-Aufnahme, die Anlage auf dem neuesten Stand, das Wohnzimmer ist durch zusätzliche Teppiche etwas stärker gedämpft. Der Musikliebhaber freut sich auf den Hörgenuss und drückt die Start-Taste. Er hört die Zuhörer, wie sie mit den Füßen scharren und leise murmeln. Dann kommt der Künstler auf die Bühne. Alles verstummt. Die Musik setzt ein, und wenn der Musikliebhaber die Augen schließt, wähnt er sich mitten im Konzertsaal.

Eine Utopie? Eine Träumerei? Keineswegs. Es müssen aber eine Menge an Faktoren zusammen kommen, möchte man so ein Musik-Erlebnis daheim genießen.

 

Was dabei alles zu beachten ist:

Was beeinflusst das Klangerlebnis? Was kann man beeinflussen? Wie wirkt sich das aus? Wie kann man das messen? Und nicht zuletzt: was kann man nicht beeinflussen? Wir wollen daher die möglichen Einflüsse der Reihe nach diskutieren. Eines darf aber dabei nie außer Acht gelassen werden: das Klangempfinden ist und bleibt ein subjektives Empfinden. Es gibt keinen objektiven ‚richtigen‘ Klang. Die Einflussgrößen, die wir unten diskutieren werden, sind wichtig, müssen aber nicht das alles entscheidende Kriterium sein. Jeder Einfluss für sich hat nur einen mehr oder wenig großen Beitrag. Möglicherweise gibt es zwei, drei Faktoren, die in der Summe einen Einfluss haben oder sich eventuell sogar idealerweise ergänzen.

 

Der Klang wird durch die folgenden Punkte der Wiedergabekette beeinflusst:

Quelle: Live-Interpretation als Referenz, Künstler-Einfluss, beeinflussbar: Aufnahmequalität (Studio oder live),

Aufnahmetechnik: Live oder Studio, Stereo, Mehrkanal, Kompression? Frequenzgang, Hall

Wiedergabemedium: Plattenspieler oder CD oder Kompressionsverfahren wie z.B. MP3

Anlage: Wie gute ist eigentlich meine Stereo /Surround Anlage?

Kabel: Gute Qualität und Kontaktsicherheit ist zu beachten

Verstärker: Bauteile-Alterung, linearer Frequenzgang, Stabilität im Zusammenspiel mit Lautsprecher

Lautsprecher: Alterung, Impedanz, Kabel, Bauart: passiv, aktiv, aktive Gegenkopplung

Messtechnik: Einmessmikro, muss kalibriert sein, Messkompetenz durch Fachpersonal, Messung vor Ort?

Raumklang: Reflexionen, Hall, Dämpfung, Messung, Mehrkanal-Technik

Ohr: Hörfähigkeit? Alterseinfluss? Eigene Hör-Erfahrungen (Konzerte),

Kopf: Akustisches Erinnerungsvermögen, Hörkompetenz (Bereitschaft, sich auf neuen Klang einzulassen), subjektives Hörempfinden                                                         

Bei den oben aufgeführten Punkten können wir nur bei vier Punkten etwas Einfluss nehmen (Verstärker, Lautsprecher, Messtechnik, Raumklang). Das werden wir ebenfalls in den folgenden Abschnitten ausführlich darlegen.

 

Quelle                                    

Jeder wird zustimmen, wenn wir einfach sagen: es geht nichts über den Besuch eines echten Konzerts. Nichts an zusätzlicher Übertragungsstrecke, nichts stört das Klangerlebnis eines Live-Konzerts. Eine einzige Einschränkung besteht allerdings: die Klangeigenschaften des Konzertsaals selber und der eigene, vielleicht nicht optimale Sitzplatz. Das sind Dinge, die man nur bedingt beeinflussen kann Trotzdem sollte ein Live-Konzert auch immer die Referenz sein, will man eine Musik-Konserve genießen und sich nicht über die eine oder andere Unzulänglichkeit der Übertragungskette ärgern.

Die Kompetenz des Toningenieurs ist ein wesentlicher Punkt, um ein Live-Konzert so aufzuzeichnen, dass alles an Musik und Ambiente eingefangen wird. Manchmal sind es aber auch einige Neben-Effekte wie das Verstärker-Brummen während des legendären Woodstock-Festivals. Das gehört einfach dazu. Manche Künstler bevorzugen aber aus genau diesen Gründen eher die kontrollierbare Umgebung eines Studios. Letztendlich gehört es zu der Gestaltungsfreiheit des Interpreten, wie er seine Musik aufzeichnet.

 

Aufnahmetechnik                

Live oder Studio, das ist schon eine Prinzip-Frage. Keine Frage ist, dass die überwiegende Zahl der Aufnahmen in Stereo gemacht werden. Mehrkanal-Aufnahmen sind eher etwas für Filme. Aber auch den Stereo-Effekt kann man mit einfachen Mitteln aufblähen. Das klingt dann voluminöser, aber möglicherweise nicht besser. Eine sehr unangenehme Unart, die seit Jahren grassiert, ist der sogenannte ‚Loudness War‘, auf Deutsch ‚Lautstärke-Krieg‘. Das ist ein Verfahren, bei dem man leise Passagen verstärkt und Übersteuerungen derart filtert, dass die unerwünschten Klirr-Anteile unterdrückt werden. Der Effekt ist, dass die mittlere Lautstärke eines Musikstücks steigt. Und was lauter ist, ist besser, sagt uns das Ohr.

Der Aufnahme-Techniker kann den Frequenzgang beeinflussen, um einem speziellen Publikum entgegen zu kommen, und er kann zusätzlich viele Arten von Hall hinzufügen, um den einsamen Studio-Musiker in eine große Halle zu versetzen. Wer aber verantwortlich mit der Aufnahme umgeht, versucht, das Original möglichst unverändert zu lassen. Die Aufnahme ist hoffentlich perfekt, jetzt geht es zum Kunden in seine heimischen vier Wände.

 

Wiedergabemedium

Als 1979 das Prinzip der Compact Disk (CD) vorgestellt wurde, schien das Ende der klassischen Schallplatte besiegelt. Die CD kennt keine Abnutzung, kein Vorecho, keine wirklichen Amplituden-oder Frequenzbeschränkungen. Trotzdem gab es damals schon und heute in steigender Anzahl Enthusiasten, die auf die schönere Klangwiedergabe eines Plattenspielers schwören. Heutzutage gibt es wieder Platten-Läden, und einige Aufnahmen erscheinen auch als Platte.

Heute ist selbst die CD gefährdet: Musik wird als Download angeboten oder gleich als Streaming-Dienst. Das wurde möglich durch das MP3-Kompressionsverfahren. Es komprimiert die ursprüngliche Audio-Datei auf rund 10% seiner ursprünglicher Größe. Das wird dadurch bewirkt, dass alle Musik-Anteile weggelassen werden, die vom menschlichen Ohr sowieso nicht wahrgenommen werden. Das ist eine ebenso radikale wie effektive Methode, die Größe der Audio-Dateien zu reduzieren. Ja, es werden 90% der Musik-Anteile einfach ignoriert. Aber es wurden wiederholt Blind-Tests mit vielen Beteiligten durchgeführt, die immer wieder das Eine bestätigen: man hört den Unterschied fast nicht. Unser Ohr hat im Zusammenhang mit unserem Gehirn ebenfalls eine Art Kompressionsverfahren, um sich vor einer Reizüberflutung zu schützen.

Es gibt Tests, bei denen Musik in originaler Qualität und MP3-komprimiert vorgespielt wurde. Die Testpersonen konnten beides nicht eindeutig unterscheiden. 

 

Verstärker

Das vermeintlich einfachste Glied in der Kette, der Verstärker wird nur deshalb oft als ‚einfach‘ abgetan, weil er vergleichsweise einfach messtechnisch beherrschbar ist. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass er ein außerordentlicher komplexer Baustein ist. Er darf nicht rauschen und verzerren und muss alle Arten von Lautsprecher betreiben. Der Verstärker soll einerseits mit linearem Frequenzgang glänzen, soll aber auch die Möglichkeit bieten, eben diesen Frequenzgang gezielt zu verändern. Der Verstärker muss den Lautsprecher steuern.

Auch im Verstärker sind wieder häufiger Röhren anzutreffen, nicht zuletzt wegen ihres ‚wärmeren‘ Klangs. Das beschreibt die Art der K2 Oberwellen, die eine Röhre dem Original hinzufügt. Oft werden Verstärker unter realitätsfernen Bedingungen gemessen. Das sichert nicht die Vergleichbarkeit. Leider wird oft der Einfluss der Lautsprecher-Impedanz auf den Verstärker verkannt. Realitätsnäher ist es, eine typische Lautsprecher-Impedanz als Belastung für den Verstärker zu verwenden, also nicht nur eine rein ohmsche Messung.

 

Lautsprecher

Nach dem vermeintlich einfachsten Glied, dem Verstärker befassen wir uns nun mit dem vermeintlich schwächsten Glied in der Kette, dem Lautsprecher. Er wandelt die elektrische Spannung in akustische Wellen und lässt sie uns überhaupt hören. Ein Lautsprecher verlangt vom Verstärker, dass er mit seiner komplexen Impedanz zurecht kommt, ohne weitere Fehler hinzuzufügen. Passive Lautsprecher sind da am anspruchsvollsten. Es werden häufig Zweiwege- oder Dreiwege-Systemen verwendet, bei denen unterschiedliche Lautsprecher-Chassis für die unterschiedlichen Frequenzbereiche verwendet werden. Oft übersehen: das Kabel verbindet den Lautsprecher mit dem Verstärker. Es sollte ein robustes Kabel sein, das aber eine niedrige Induktivität und Kapazität besitzen sollte.

Eine Symbiose zwischen Verstärker und Lautsprecher bilden die aktiven Boxen. Sie brauchen keinen starken Leistungsverstärker, es reicht das Ausgangssignal eines Vorverstärkers. In der Box sind dann für jeden einzelnen Lautsprecher entsprechende Verstärker eingesetzt. Aktive Weichen trennen die Frequenzbereiche genauer als jede passive Lautsprecher-Weiche. Eine zeitweise Variante stellten die aktiven Lautsprecher mit Bewegungs-Gegenkopplung dar. Hier wurde die Membran-Schwingung mit dem ursprünglichen Signal verglichen. So konnte – wenigstens teilweise – das Eigenleben der Membranen kontrolliert werden. Problematisch war bei diesen aktiven Lautsprechern das messtechnische Trennen zwischen Verstärker- und Lautsprecher-Einfluss auf den Klang. Eigentlich konnte nur das Gesamtsystem beurteilt werden. Allen Lautsprechern gemeinsam ist eine Alterung der Membran-Sicken, speziell bei Tieftönern. So etwas geschieht schleichend und ist nur durch eine vorsichtige Inspektion erkennbar.

 

Messtechnik

Was ist eigentlich mit der Messtechnik, die bei der langen Übertragungskette mehr oder weniger zwangsläufig immer dabei ist? Wie selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass die Technik immer auf dem neuesten Stand ist. Sie sollte zu anerkannten Standards kalibriert sein, sodass beispielsweise Aussteuerungs-Pegel in jedem Studio gleich laut sind. Natürlich sollte diese Messtechnik nur von geschultem Personal bedient werden, die möglichst etwas mit der zu verarbeitenden Musik etwas anfangen können. Sicher hilfreich ist es, wenn der Messtechniker gelegentlich ein Live-Konzert miterlebt.

Allerdings darf der Einfluss der Messtechnik nicht überbewertet werden. Sie ist nur ein Hilfsmittel, die Musik zu transportieren und zu konservieren. Sie soll nichts hinzufügen oder unterschlagen.

 

Raumklang

Der Raumklang des heimischen Wohnzimmers ist möglicherweise diejenige Komponente der Übertragungskette, die den größten Einfluss auf das Klangerlebnis hat. Gleichzeitig sind Anpassungen und Veränderungen nur in sehr begrenztem Maße möglich. Die meisten Wohnräume sind leider nun mal rechteckig. Sie bieten daher für Resonanzen ideale Voraussetzungen. Das wirkt sich derart aus, dass der Frequenzgang gerade bei tiefen Frequenzen stark verformt wird. Die Amplituden hoher Frequenzen werden durch Mehrfach-Reflexionen verändert. Bitte beachten Sie den eigentlichen direkten Schall und die vielen Echos auch Moden genannt. Abhängig von der Menge an dämpfenden Materialien wie Teppiche und Polstermöbel stellt man auch in kleinen Räumen ein geringes Maß an Hall fest. Das alles wird nur noch getoppt durch Mehrkanal-Anlagen, bei denen deutlich mehr als nur zwei Lautsprecher so platziert werden wollen, dass der gewünschte räumliche Klangeindruck entsteht. Trotzdem sind Viele mit dem Klangeindruck in ihrem Wohnzimmer einigermaßen zufrieden. Das ist dann weniger ein guter Klang als ein Gewöhnungs-Effekt, der sich nach einer Weile einstellt. 

 

Was kann man tun, um die Einflüsse des Raumes auf den Klang möglichst gering zu halten?

- möglichst glatte Flächen ohne Dämpfung vermeiden. Bei Fenstern ist das nicht so einfach, möglicherweise helfen Vorhänge.

- statt frontal symmetrisch vor der Wand zu sitzen, sollte man eine leicht gewinkelte Anordnung zumindest ausprobieren.

- bei ausreichend hohen Decken kann man überlegen, diese abzuhängen, und zwar schräg oder sattelförmig.

- bei neueren Surround Anlagen ist die digitale Einmessung durch ein Messmikro sehr vorteilhaft

Weil diese Möglichkeiten sicher nicht jedem zur Verfügung stehen, gibt es seit Kurzem auch die Möglichkeit, den Raumklang messtechnisch zu erfassen und zu korrigieren. Das geschieht im einfachsten Fall mit einer App auf dem Smartphone. Es erzeugt Testsignale, nimmt sie wieder auf und versucht so, den Raumklang zu optimieren.

Ob das allerdings für jeden HiFi-Freund eine Lösung ist, muss jeder selber entscheiden und einfach ausprobieren.

 

Ohr und Kopf                                  

Schließlich erreicht die Musik das Ohr. Der Schall trifft auf die Hörmuschel. Dadurch werden Schallwellen, die von vorne eintreffen, bevorzugt ins Ohr geleitet. Diese Richtwirkung spielt auch eine Rolle, wenn Schall von oben oder unten geortet wird. Im Trommelfell wird der Schall schließlich in kleine Impulse umgewandelt. Durch die winzigen Laufzeit-Unterschiede zwischen linkem und rechtem Ohr kann das Hörzentrum die Richtung bestimmen. Im Idealfall kann der Zuhörer dann die einzelnen Instrumente eines Orchesters vor ihm einzeln auseinanderhalten. Im Alter lässt die Hörfähigkeit besonders für hohe Frequenzen nach. Kommt auch noch Tinnitus dazu, ist das Hörerlebnis etwas getrübt. Hier spielt das Hörzentrum im Hirn eine große Rolle. Speziell das Sprachzentrum ergänzt eigenständig nicht vollständig verstandene Wörter. Ähnliches passiert mit dem Klangerlebnis: Nach wenigen Sekunden wird ein Musikstück oder ein Musik-Instrument zuverlässig erkannt. Für den Musikliebhaber ist dieses Erinnerungsvermögen wichtig, will er das unverfälschte Live-Erlebnis eines Konzerts auch daheim in den eigenen vier Wänden erleben.

Auch der eigene Musikgeschmack als Vorurteil spielt eine große Rolle in der Beurteilung der sujektiven Klangqualität

Wenn dieses Musik-Erlebnis mit der neuen CD erreicht wird, lehnt Die sich sich zufrieden zurück und genießt den Klang. So soll es sein!

 

Autor: Jürgen Heidbreder und Klaus Burosch, 2021